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Wie kommuniziert die Evangelische Jugend?

Die evangelische Jugend kommuniziert. Das ist schon einmal das erste. Es wird viel miteinander geredet. Über Gott. Über die Welt. Über Gott und die Welt und über unseren Platz dabei.

Kommunikation ist dabei – und das sollte für eine Kirche, die auf dem in Jesus Christus Mensch gewordenen und u. a. in Form der Bibel uns zugänglichen Wortes Gottes keine Überraschung sein – immer medial vermittelte Kommunikation.

Medial vermittelte Kommunikation ist in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, und das gilt für die junge Generation umso mehr, digitale Kommunikation. Die Digitalisierung von Kommunikation führt dabei neben einer erhöhten Geschwindigkeit und der – manchmal überfordernden – Zunahme der Quantität an Kommunikation und Information auch zur einer Erweiterung der Teilhabe an Kommunikation auf der einen, zu einer Änderung der Qualität von Kommunikation auf der anderen Seite. Diese Veränderung ist zunächst einmal gar nicht zu werten, sondern zur Kenntnis zu nehmen.

Digitale Kommunikation ist zum großen Teil schriftliche Kommunikation. Vieles, was im persönlichen Kontakt eine große Rolle spielt, fällt damit weg – schriftlich zu kommunizieren heißt ja z. B. keine Gestik und Mimik einsetzen zu können (wenngleich die beliebten Emoticons hier zumindest ein bisschen Abhilfe schaffen können), keinen Tonfall und keine Betonung des Gesagten und Gemeinten zu haben, an denen man sich orientieren kann, um (besser) zu verstehen, was der*die andere sagen will. Digitale Kommunikation setzt sich zudem immer wieder über orthografische, grammatikalische und syntaktische Regeln hinweg, was ihr vor allem bei denen, die dem ganzen Projekt Digitalisierung ohnehin skeptisch gegenüberstehen, den Vorwurf des Sprach- wenn nicht gar gleich des Sittenverfalls einbringt.

Kommunikation innerhalb der jungen Generation und so auch in der Evangelischen Jugend ist zum großen Teil digitale Kommunikation. Das gilt sowohl für teilnehmende Jugendliche, für ehrenamtliche Mitarbeiter*innen, aber auch für alle, die hauptberuflich auf dem Feld der Kinder- und Jugendarbeit unterwegs sind. Kommunikation mit der jungen Generation kann ja nur gelingen, wenn sie dort und mit Hilfe der Medien stattfindet, die in eben dieser Generation genutzt werden. Kurz: Ohne digitale Kommunikation überhaupt keine Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen.[1]

Im Rahmen einer Evaluation der Kinder- und Jugendarbeit in der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg wurde auch das Feld der Kommunikation unter bzw. mit Jugendlichen untersucht. Wenig überraschend der Befund: Neben der allen Vorurteilen anderer zum Trotz über allen stehenden persönlichen/face-to-face-Kommunikation sind für die Jugendlichen die sog. Messengerdienste, allen voran WhatsApp von herausragender Bedeutung.

Im Blick auf diese Dienste hilft ein Blick in die JIM-Studie von 2017 zur weiteren Einordnung.

Gerade bei den Messenger-Diensten spielt die JIM-Studie 2017 eine wichtige Rolle. Sie zeigt, dass 89% der 12- bis 19-Jährigen täglich online sind, wobei der Kommunikationsanteil in diesem Bereich mit 38% erstmalig knapp unter die 40-Prozent-Marke rutscht. Stellt man die Frage, mit welchen Diensten Jugendliche kommunizieren, landet man unausweichlich bei WhatsApp. Die Messenger-App macht in der Kommunikationslandschaft von 12- bis 19-Jährigen in Deutschland einen Anteil von 94%aus. Etwas abgeschlagen folgt dann Instagram mit 57%. Facebook schafft es in der JIM-Studie 2017 nur noch auf einen Anteil von 25%. 2015 lag dieser noch bei 51%.

Voraussetzung für den Zugang zu diesen Kommunikationsmöglichkeiten sind die entsprechenden technischen Ausstattungen. Die Medienausstattung in deutschen Haushalten liegt im Bereich Smartphone, Computer und Internetzugängen bei knapp 100%.[4]Somit kann man davon ausgehen, dass alle Haushalte zumindest die Möglichkeit zur digitalen Kommunikation haben. Gerade bei Jugendlichen dominiert das Smartphone deutlich. 92% der 12 bis 13-Jährigen haben ein eigenes Smartphone, und bei den ab 14-Jährigen liegt die Quote sogar bei 99%.

Keineswegs bedeutet, wie schon erwähnt, die intensive Mediennutzung von, dass Jugendliche sich nicht mehr real mit Freunden treffen. Die JIM-Studie fragt nach der non-medialen Freizeitaktivität, und hier steht das „Treffen mit Freunden“ mit 73% deutlich an erster Stelle.

Die Evangelischen Jugend Oldenburg (ejo)

Die Evangelische Jugend Oldenburg (ejo) hat sich auf die Fahnen geschrieben, neue digitale Wege in der Zusammenarbeit der Ehren- und Hauptamtlichen zu gehen. Im Frühjahr 2016 wurde deshalb das Projekt „ejoPRO – Plattform für Beweger*innen“ gestartet. Statt die Kommunikation unübersichtlich auf E-Mail, WhatsApp, Facebook, Google und Co. zu verteilen, wird eine eigene Plattform zur Verfügung gestellt. ejoPRO ist ein eigener Cloud-Dienst um Dateien zu speichern, Vorhaben zu planen und miteinander zu kommunizieren.

Das System funktioniert wie ein ganz normaler Cloud-Dienst. Alle Daten sind weltweit per Internetzugang verfügbar. Dabei werden sie aber nicht bei Drittanbietern gespeichert, sondern bleiben durch den eigenen Server auch in Händen der ejo. Neben der Möglichkeit des Projektmanagements werden Haupt- und Ehrenamtlichen gute und sichere Bedingungen für die Kommunikation unter- und miteinander zur Verfügung gestellt.
Genutzt wird die Plattform heute beispielsweise von regionalen Freizeitenteams und für die Organisation von Projekten über Kirchenkreisgrenzen hinweg.

Immer wieder kommt es dabei jedoch auch zu Konflikten zwischen den „alten“, kritisch eingestellten Hauptberuflichen und den „jungen“, offenen und medienaffinen Jugendlichen.

„Unser Diakon hat auch immer gesagt: Facebook ist blöd, will ich gar nicht drüber kommunizieren, hat sich lange gesträubt dazu. Jetzt mittlerweile haben die Diakone Facebook, aber es ist schon wieder out.“[2]

Es bestätigt sich also, was man schon von vornherein vermuten mag: Haupt- und Ehrenamtliche haben unterschiedliche Zugangsweisen zu den digitalen Kommunikationsmitteln. Allerdings gibt es große Unterschiede in der Zugangsweise durchaus auch innerhalb der beiden benannten Gruppen.

Trotz „ejoPRO“ spielt sich auch in der Jugendarbeit der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg in größeren Teilen bei WhatsApp ab. Dort sind die Jugendlichen eben ohnehin in ihrem Alltag. Aber:

Warum eigentlich WhatsApp?

Die Beliebtheit der Messenger-App hat verschiedene Gründe. WhatsApp bildete schon mit dem Start im Jahr 2009 eine günstige und komfortable Alternative zu SMS und MMS. Nachrichten können beliebig lang sein und Unterhaltungen sind in Gruppenchats möglich, die den großen Vorteil haben, dass man dort „unter sich“ sein und der Zugang für nicht erwünschte Gesprächsteilnehmer*innen eingeschränkt werden kann.

Die Einrichtung von WhatsApp und die Verknüpfung mit den eigenen Kontakten ist kinderleicht. So überrascht es nicht, dass inzwischen ca. 1,5 Milliarden Menschen weltweit diese Messenger-App nutzen.[3] Fast jeder ist bei WhatsApp, und durch die automatische Verknüpfung mit den Adressbüchern wird das Nutzererlebnis weiter gefördert.

Andererseits ist WhatsApp unter den Aspekten Sicherheit und Datenschutz ein mindestens ambivalenter Dienst. Viele Menschen wissen nicht, dass WhatsApp im Jahr 2014 für insgesamt 19 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 13,81 Milliarden Euro) von Facebook gekauft wurde, nachdem Facebook im Jahr 2012 schon Instagram gekauft hatte.

Seit dieser Übernahme warnen Datenschützer und Datenschutzbeauftragte immer wieder vor der Nutzung von WhatsApp. Große Bedenken gibt es vor allem im Blick auf die mögliche kommerzielle Nutzung privater Daten. Zudem ist durch die benannten Übernahmen und die hohe Akzeptanz von WhatsApp quasi ein Monopol von Facebook im Bereich der Sozialen Netzwerke und Messenger-Dienste entstanden.

Spricht man mit – meist jungen – Nutzer*innen, werden diese Bedenken meist nicht geteilt oder für unbedeutend gehalten. Das mag vor allem an den vorweg genannten Vorteilen liegen. Darüber hinaus besteht natürlich ein gewisser Gruppenzwang, wenn im Freundes- und Bekanntenkreis nahezu alle die Messenger-App nutzen. 

Findet ein Großteil der Kommunikation von jungen Menschen heute hauptsächlich bei WhatsApp statt, kann sich die Kinder- und Jugendarbeit hier trotz aller Gefahren und Nachteile nicht gänzlich verschließen.

Als Bildungsauftrag ist dabei aber zwingend anzusehen, Kinder- und Jugendliche, aber auch Kolleg*innen, immer wieder auf die benannten Nachteile und Gefahren hinzuweisen, auf Datenschutzproblematiken aufmerksam zu machen und für einen verantwortlichen Umgang mit privaten Daten zu sensibilisieren.

Was braucht Evangelische Jugend?

Evangelische Jugend braucht wie so oft eine gesunde Mischung aus Fachexpertise und Risikobereitschaft. Evangelische Jugend braucht vor allem Erprobungsräume. Räume, in denen Jugendliche sich und ihre Möglichkeiten ausprobieren können. Wo sie Fehler machen dürfen und nicht sofort rechtliche Konsequenzen drohen. 

Vor allem braucht es immer wieder das Gespräch über Vor- und Nachteile, Möglichkeiten und Risiken. Jugendliche brauchen die Möglichkeit, genau diese Informationen auf einfachen Wegen beziehen zu können – über barriereflache Portale und Angebote.

Evangelische Jugend braucht darüber hinaus medienaffine und experimentierfreudige Hauptamtlichkeit und eben keine Miesmacher, die in allen Entwicklungen immer nur Risiken und Gefahren sehen.

Lasst uns gemeinsam experimentieren. Neue Möglichkeiten ausloten und nutzen. Und aus der Digitalisierung mehr machen, als nur die Flyer als *.pdf-Datei auf unsere Websites zu stellen. Wie? Das wird sich wohl erst noch zeigen müssen; manche Wege – auch digitale – entstehen nun einmal erst, wenn sie beschritten werden.

Eine persönliche Empfehlung zum Ende

Im privaten und dienstlichen Umfeld verweise ich im Bereich Messenger-Dienste immer wieder mit gutem Gewissen auf Threema. Threema ist ein Messenger aus der Schweiz, der von Anfang an auf Datensparsamkeit und Anonymität getrimmt wurde. Threema kann ohne Angabe einer Handynummer oder Mailadresse genutzt werden.

Allerdings kostet Threema ein paar Euro und das ist für viele Menschen dann auch schon ein k.o.-Kriterium. Aber lieber mit ein paar Euro zahlen, als mit den eigenen Daten.

Dieser Artikel wurde geschrieben von Lucas Scheel, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising im Landesjugendpfarramt der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, und Dr. Sven Evers, Landesjugendpfarrer der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evang. Jugend in Deutschland (aej). Erstmalig ist er erschienen im baugerüst – der Zeitschrift für Jugend- und Bildungsarbeit – Ausgabe 2/18 mit dem Titel „good news, bad news, fake news – und wie sich die Kommunikation verändert“.

[1]Vgl. 2. Untersuchung der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit, Seite 70 ff. (Die Kommunikation mit Jugendlichen)

[2]vgl. 2. Untersuchung der Evangelischen Kinder- und Jugendarbeit, Seite 72 (Die Kommunikation mit Jugendlichen)

[3]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/285230/umfrage/aktive-nutzer-von-whatsapp-weltweit/

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